Rezension zu "Was wir dachten, was wir taten"

Verlag: Beltz & Gelberg
Erscheinungsdatum: Juli 2017
Preis: 12, 95€
Seitenanzahl: 180
Reihe?: Einzelband







"Wir werden dir erzählen, was wirklich passiert ist."


 

Stell dir vor du sitzt in der Schule und es ertönt eine Durchsage: Amokalarm. "Was wir dachten, was wir taten" handelt von 143 Minuten. 143 Minuten, die das Leben einer ganzen Klasse mehr als nur auf den Kopf stellen können.
  

"Ich hatte das Gefühl mein Schädel würde jeden Moment platzen und seinen Inhalt quer über alle Bänke verteilen."

Mit diesem Zitat möchte ich in meine Buchvorstellung einsteigen, denn genau so fühlen sich die Protagonisten in dem frisch erschienenen Jugendroman "Was wir dachten, was wir taten".
Doch nicht nur den drei Protagonisten, auch mir selbst ging es während der Lektüre des Buches so als ob mein Schädel gleich platzen würde....

Die erst 19-jährige Autorin durften wir - dank der lieben Anka - letzte Woche im Rahmen einer besonderen Lesung auf dem Dach der Buchhandlung Wittwer kennenlernen. Nach der fesselnden Lesung habe ich das Buch weitergelesen - und innerhalb weniger Stunden verschlungen.

Der Amokalarm ertönt - wie würdest du reagieren?


Der gesamte Roman umfasst 143 Minuten und wird aus der Sichtweise von dem Lehrer Herrn Filler sowie seinen beiden Schülern Fiona und Mark erzählt.
Abwechselnd erhält der Leser Einblicke in das Seelenleben der drei Protagonisten, die sich von einer Sekunde auf der anderen in einer psychischen Ausnahmesituation befinden. Einer Situation, in der es keine Regeln mehr gibt. In der Menschen absolut schutzlos einem Einzelnen ausgeliefert sind.

Was ist richtig, was falsch?


Lea-Lina Oppermann gelingt es mit ihrem preisgekrönten Debüt den Leser nicht nur zum Nachdenken anzuregen. Die Autorin zwingt den Leser fast schon zum Grübeln, denn diese Geschichte lässt niemanden kalt.


Wie würdest du bei Amokalarm reagieren? Was für ein Gefühl ist es, der Grund für eine Todesangst zu sein? Wie egoistisch und sadistisch ist der Mensch? Wie gut kennt man seine Nächsten eigentlich? Werde ich sterben... habe ich mein Leben richtig ausgekostet?  


Stellvertretend mit der Streberin Fiona, dem Unruhestifter Mark und dem Mathelehrer Filler führt uns die Autorin vor Augen wie sich eine solche unvorstellbare Situation anfühlen mag.
Im Laufe des Romans erfährt der Leser bruchstückhaft die Lebensgeschichte der drei Protagonisten. Im Vordergrund stehen jedoch diese 143 Minuten, die wohl schlimmsten, die man sich nur vorstellen kann.


"Angst ist scheiße", sagte Mila nachher, "da darfst du nicht drauf hören."


Die schnellen Perspektivwechsel, die jeweilige Ich-Perspektive und der abgehackte und dennoch bildhafte Schreibstil verursachen schnell einen Lesesog, aus dem der Leser sich fast nicht mehr befreien kann. Für mich hat es sich so angefühlt, als ob ich selbst in besagtem Klassenzimmer sitze - ein sehr beklemmendes Gefühl, das verhinderte, dass ich das Buch aus der Hand legen konnte.
Stellenweise erinnert der Roman fast an einen Poetry Slam. Der Leser befindet sich gemeinsam mit den Schülern in diesem Klassenzimmer, die Wände rücken näher. Durch die vielen Gedankenfetzen baut sich rasch eine Spannung auf. "Was wir dachten, was wir taten" lässt sich am besten mit dem Wort atemlos beschreiben. Weder die Protagonisten noch der Leser kommen zum Luftholen, es entwickeln sich klaustrophobische Zustände. Aufgrund dessen ist "Was wir dachten, was wir taten" sicher auch als Hörbuch empfehlenswert. Ebenfalls sehr gut vorstellen könnte ich mir "Was wir dachten, was wir taten" auf der Bühne, als eindringliches Theaterstück.


"Vermutlich waren wir nie so frei wie in diesem Moment, nie so nackt."


Vor allem im weiteren Handlungsverlauf hat mich das Buch an "Die Welle" erinnert. Beide Werke beschreiben soziale Experimente und wie der Mensch mit einer Extremsituation umgeht. Jedoch möchte ich den Handlungsverlauf gar nicht näher erwähnen, um euch nicht zu spoilern.
Nur so viel: Die Geschichte ist definitiv klug konstruiert, birgt einige Überraschungen und trotz des brisanten Themas, erzählt Lea-Lina Oppermann charmant und teilweise gewitzt und humorvoll.

Einen Kritikpunkt habe ich dennoch. Da dieser das Ende betrifft, kann ich ihn euch leider nicht mitteilen. Aber mir persönlich wurde mit einem sehr wichtigen Thema etwas zu oberflächlich umgegangen. Welches Thema das ist? Um das herauszufinden, müsst ihr das Buch schon selber lesen.
Und nicht nur deswegen: Lest es, weil es euch bewegen, wachrütteln, schockieren wird!

"Was wir dachten, was wir taten" ist das atemlose, aufwühlende Debüt von der Hans-im-Glück-Preisträgerin Lea-Lina Oppermann. Die junge Autorin beleuchtet menschliche Abgründe in einer Ausnahmesituation und regt den Leser zum Nachdenken an. Ein sehr wichtiges, gesellschaftskritisches, aufwühlendes Buch, das lange nachhallt und auch das eigene Handeln hinterfragen lässt.

Ein Jugendroman, den ich mir durchaus als Schullektüre vorstellen könnte, da er einiges an Diskussionspotenzial birgt!

Kommentare :

  1. Tolle Rezension meine Liebe! Genauso bewegend wie das Buch ist auch deine Ansicht zu dem Buch. Hast du sehr schön geschrieben ♥︎

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  2. Liebe Hannah,
    eine tolle Rezension! Das Buch klingt wirklich mega interessant und ich werde es sofort auf meine Wunschliste setzen. Danke für die Empfehlung! :)
    <3

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  3. Das Buch merke ich mir! Ich habe erst letztens eine ähnliche Geschichte gelesen und seitdem geht mir das Thema nicht aus dem Kopf...

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